Zusammenstehen für die Demokratie – 50 000 protestieren in Erfurt

Am 4. Juli 1926 hält die Nationalsozialistische Arbeiterpartei (NSDAP) in Weimar ihren Reichsparteitag ab und gründet die Hitlerjugend. Genau 100 Jahre später trifft sich die AfD zu ihrem Parteitag in Erfurt, der heutigen Landeshauptstadt von Thüringen. Sie werde im Herbst die Herrschaft in Sachsen-Anhalt und im kommenden Jahr die in Deutschland übernehmen, tönen Spitzenkräfte der in Teilen rechtsextremen Partei.    

„Wehrt euch, leistet Widerstand, gegen den Faschismus hier im Land“, halten Tausende dagegen.  Immer wieder stimmen kleine Chöre und große Gruppen in der Innenstadt und auf dem Messegelände den Kanon an. Schätzungsweise 50 000 Menschen sind am Wochenende (4./5. Juli) nach Erfurt gekommen, weil sie weiterhin in einer freien, offenen und vielfältige Gesellschaft leben wollen und sehen, dass Demokratie, Rechtsstaat und Menschenwürde in Gefahr sind. Sie haben sich nicht abschrecken lassen von den lauten Warnungen vor Krawallen durch Polizei und Medien. Unter den Demonstrant*innen sind auch hunderte Omas gegen Rechts,  angereist von Aachen bis Zwickau, von Ostfriesland bis zum Bodensee.   

„Wir sind Kriegs- und Nachkriegskinder. Wir haben den Wohlstand, die Freiheit und den Frieden erlebt. Wir wissen, wie kostbar das ist. Und wir wissen verdammt noch mal aus der Geschichte unserer eigenen Eltern und Großeltern, wie schnell eine Demokratie sterben kann, wenn die Anständigen schweigen. Wir schweigen nicht mehr“, sagt Anna Ohnweiler, Gründerin der Omas gegen Rechts in Deutschland, vor Tausenden, die vom frühen Morgen an zur Kundgebung auf dem Messegelände gekommen sind. Bis zum Abend wechseln dort Reden und Musik. Eine Vertreterin der Azubis gegen Rechts berichtet, dass Auszubildende in ihren Betrieben immer wieder mit rassistischen, frauen- oder schwulenfeindlichen Parolen konfrontiert werden.  

Auch in der Innenstadt wird gefeiert, musiziert und diskutiert – unter anderem darüber, wie das Leben für alle besser werden könnte und welche Auswirkungen ein Wahlsieg der AfD in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern im Herbst für Staat und Gesellschaft hätte.

Dennis Baum ist extra aus den USA angereist, um gegen die AfD zu protestieren. Seine Vorfahren haben in Thüringen einst die Firma Simson gegründet, die heute Mopeds produziert. Die jüdische Familie wurde von den Nationalsozialisten enteignet und flüchtete in die USA. Seit einiger Zeit zeigen sich AfD-Politikern gern mit den kultigen Mopeds. „Haltet den Namen Simson aus der Politik heraus“, fordert der 82-Jährige bei der Kundgebung. Der passe nie mit dem Programm der AfD zusammen. «Die Drohungen gegen Einwanderer, Menschen anderer Hautfarbe und sexuelle Minderheiten sind uns ein Gräuel, an dem wir keinen Anteil haben wollen.“